Odagsen

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Mitteilungen zur Geschichte des Kirchspiels

Dieser ausgezeichnete und informative Beitrag stammt von der Tochter des Pastor Milbratz Frau Barbara Bechmann geb. Milbratz. Ich habe ihn ganz bewusst nur ganz behutsam (fast nur optische Änderungen) geändert. Einige Informationen waren bereits bekannt, andere sind neu hinzugekommen. Es wird neben dem Wirken des Pastor Milbratz auch die Geschichte von Odagsen beleuchtet. Vielen Dank dafür.

Ralf Ahrens, Ortsheimatpfleger im Oktober 2025

Mitteilungen zur Geschichte des Kirchspiels: Odagsen, Edemissen, Immensen.
In Auszügen aus der Zusammenstellung der durch Pastor Erich Milbratz 1952 verfassten Chronik
von Barbara Bechmann geb. Milbratz

In kleineren Dörfern hat und wird auch hoffentlich weiterhin eine besondere Grundbeziehung zum dörflichen Leben und seiner Gemeinschaft alle Bewohner prägen. Dazu gehörten früher ganz selbstverständlich die Schule mit ihren Lehrern und die Kirche mit den Pastoren. Nichts bleibt so, wie es war! Das wurde auch wieder deutlich bei den Erzählungen der Konfirmationsjubilare 2025 mit dem Festgottesdienst in Iber. (Einladung erfolgte über das Regionalbüro Leinetal, Northeim, OT. Stöckheim !) Für die meisten Anwesenden war ihr Konfirmator: Pastor Erich Milbratz, der aber auch in Iber mit Strodthagen und Dörrigsen durch Vertretungen bekannt war.

Ich versuche hier eine kleine Zusammenfassung von der Zeit zu geben, in der mein Vater die Pfarrstelle in Odagsen mit Edemissen und Immensen betreute, von Januar 1939 — August 1973

Zunächst einige biografische Daten!

Erich Ludwig Heinrich Milbratz, geb. 09 05. 1911 in Klein-Wieblitz, Sachsen- Anhalt,
1930 erfolgte das Abitur am humanistischen Gymnasium Salzwedel
anschließend Studium der Theologie in Tübingen und Göttingen mit 1. und 2. Examen(1935 bzw.1937)
Vikar 1937 in Groß-u. Kleinflöte (Salzgitter) und Ordination zum Pfarrer.
Heirat: 21.April 1938 mit Karla Heine

Am 15.0ktober 1938 dann die Bewerbung auf die vakante Pfarrstelle in Odagsen‚ zusammen mit zwei weiteren Bewerbern. Gewählt mit 150 von 211 abgegebenen-Stimmen.
30.Jan. 39 Einzug ins Pfarrhaus, 5. Febr. Einführung durch Superintendent Wendebourg, 01. September 1939 Ausbruch des 2. Weltkriegs, Stellungsbefehl als Soldat zur bespannten Artillerie. (02.40)

Mein Vater erlebte die Schrecken des Krieges an der Ostfront in Russland im Mittelabschnitt. Am Ende des Krieges kam er in amerikanische Kriegsgefangenschaft und konnte nach der Entlassung am 13.Sept. 1945 seine Familie im Odagser Pfarrhaus wiedersehen, das erste Mal auch seine Tochter‚ die am 03.02. geboren war.

Während des Krieges hatte meine Mutter viele Aufgaben in der Kirchengemeinde übernommen, so auch die Regelungen der Vakanzvertretungen, dabei stand ihr vor allem der damalige Lehrer Albert Falke sehr hilfreich zur Seite. Er war gleichzeitig Organist und hielt alle 14 Tage einen Lesegottesdienst, trotz Parteiaufforderung den kirchlichen Dienst niederzulegen. Am 10.04.1945 (siehe Das Ende des 2. Weltkriegs in der Region) erfolgte die Einnahme von Odagsen, Edemissen und Immensen durch die Amerikaner. Dabei verloren 5 amerikanische Soldaten, 3 Deutsche und eine Frau ihr Leben. In Odagsen gab es durch Artilleriefeuer Scheunenbrände und 273 Einschüsse in der Kirche und im Pfarrhaus. In der vergoldeten Kugel auf dem Kirchturm gab es 60 Durchschüsse; sie wurde 1949 wieder repariert. In Edemissen waren die Zerstörungen durch Brände noch größer. Immensen blieb von Kämpfen verschont.

Als erste Aufgabe und neue Grundbeziehung zu seiner Kirchengemeinde nahm mein Vater möglichst in allen Häusern Hausbesuche wahr. Ernsthaftigkeit, Genauigkeit und Treue bei den verschiedensten Problemen, wann und wo sie auftraten, zeichneten seine Person aus. Die Seelsorge stand an erster Stelle, seine Verschwiegenheit, öffneten ihm „Türen“. Nach fast 34 Dienstjahren kannte er teilweise 4 Generationen einer Familie und ihre Lebensgeschichte. Die Verkündigung des Wortes Gottes war Mittelpunkt des Gottesdienstes und geschah immer von der Kanzel, der Altar Ort der Sakramente und des Gebets, die Orgel der singende Glaube.

Nichts war für ihn in der Kirche zufällig oder schnell austauschbar, und um ein Grundwissen zum Glauben zu vermitteln, waren für ihn 2Jahre Konfirmandenunterricht sehr wichtig. Die Meinung meines Vaters war, (auch damals allgemein üblich) nur, wenn Gebete, Psalmen, Teile des Katechismus auswendig gelernt sind, werden sie vertraut und auch abrufbar. Eine gute Zusammenarbeit mit den Lehrern in den einzelnen Dörfern war für meinen Vater sehr wichtig, nicht nur für den Religionsunterricht.

1943 suchten viele Evakuierte aus den Städten eine Unterkunft. 1945 überstieg die Zahl der Flüchtlinge die Einwohnerzahl von Odagsen . Um die Not wenigstens etwas zu lindern, richtete mein Vater eine Anlaufstelle der Ev. Hilfswerks ein. Den in den Orten zugezogenen Katholiken wurde es sehr schnell ermöglicht, einmal im Monat Gottesdienst in der Odagser Kirche zu halten.

Nach den Kriegsjahren begannen nun erste Renovierungsarbeiten an der Kirche: so an der Kirchturmuhr, der Orgel und 1949 ein neuer Außenanstrich. Den Abschluss bildete dann 1952 eine große Innenrenovierung, an der die Hilfe und Arbeit der gesamten Gemeinde beteiligt war, sie wurde durch den Architekten Dr. Hermann Mewes , Hannover, sehr fachkundig geleitet. Das Ziel war die 200-jährige Jubiläumsfeier der St, Pankratius Kirche. Bänke und Emporen wurden grau gestrichen, der Altar in Weiß mit Gold abgesetzt, die Altarsäulen lichtblau, die Wände von Kalkbelägen befreit. Malerarbeiten: Karl-Heinz Ahrens, Malermeister, Edemissen
Lampe: Hermann Knoke, Tischlermeister und Friedrich Bode, Schmiedemeister, beide aus Odagsen.

Tatsächlich waren alle Arbeiten abgeschlossen, als am 28.09.1952 der Festgottesdienst stattfand. Die Predigt hielt Landessuperintendent Wiebe, der Gottesdienst wurde begleitet vom Männergesangverein Edemissen, Leitung: Lehrer Otto Mielke. An mehreren Stellen in Odagsen spielte der Einbecker Posaunenchor. Abschlußworte sprach Superintendent Wendebourg, Einbeck ‚und danach gab es Kaffee im Pfarrhaus mit Kapellen- und Kirchenvorstehern.

Um 15.00 h. gab es aber noch ein besonderes überraschendes Geschenk für die Gemeinde: mein Vater las in Auszügen aus der „Geschichte des Kirchspiels Odagsen“ In aufwendiger Archivarbeit - mein Vater war lange Archivpfleger des Kirchenkreises / Einbeck —- hatte er zu diesem Jubiläum in den fortlaufend geführten Kirchenbüchern viele Mitteilungen gefunden und zusammengestellt, um sie auch an spätere Generationen weiterzugeben. Ergänzt wurde diese Schrift mit Aufnahmen des Fotografen Herrn Martin Lindemann, Einbeck ‚und Literaturhinweisen. Zunächst wurde diese, Chronik, meiner Mutter in die Schreibmaschine diktiert, dann vervielfältigt, um sie an Interessierte weiterzugeben, sie wurde auch im Stadtarchiv deponiert. Sicher ist sie daher auch noch in mancher Familie aufbewahrt, und ich erwähne daher im Weiteren nur Einiges, das durch die Prediger- oft in Sütterlinschrift — seit 1413(!!) — 1982 mitgeteilt wurde.

So konnte zur vorgeschichtlichen Datierung der Region durch Archäologen aus Göttingen 1982 bei Ausgrabungen am Ortsrand (von Odagsen) zu Edemissen durch Grabbestattungen festgestellt werden, dass diese Gegend wohl schon, etwa 4600 v. Chr., besiedelt war. In Verbindung zu den Klöstern Fredelsloh, Amelungsborn und dem Stift St.Alexandri, Einbeck, gab es wohl ab 800 n. Chr. Klöster- und Meierhöfe, auch dazu wurden Fundamente in der Nähe der Kirche gefunden.

Vermutlich wurde dann auch eine erste Holzkapelle errichtet.
1183 : die Errichtung einer ersten romanischen Kirche mit gerade abschließender Krypta wird durch das noch heute in der Kirche aufbewahrte Tympanon (siehe Das Tympanon) (Bildbogen über der Eingangstür der 1. Kirche)

In der heutigen Kirche an ‚der Südwand eingemauert. Jahrelang konnte man die Buchstaben auf dem Stein nicht sinngebend entziffern Doch zur großen Freude meines Vaters gelang dies Herrn Studienrat Dinkers in einem Vortrag 1988.

Er übersetzte die obere Inschrift folgendermaßen: Im Jahre der Fleischwerdung des Herrn 1183 ist diese Taufkirche gemacht worden.

_ Die untere Inschrift lautet:

Das Neue Testament Jesu Christi, durch Christus uns gegeben, Israels Altes Testament, durch die Propheten uns verkündet.

Diese besondere Enddeckung legte mein Vater in seine persönliche Chronik –mit besonderem Dank.  Wie sinnstiftend ist jetzt das Tympanon im Wappen von Odagsen festgehalten!

1227: Die erste Erwähnung einer Glocke
1413: erster katholischer Geistlicher genannt: Henricus Dymelen
1542: predigte der Pfarrer Wittekindus Schale erstmals lutherisch in Odagsen.
1440: Bau eines ersten Pfarrhauses ,
1711, nach 271 Jahren, Bau eines neuen Hauses
1497 erste Erwähnung von Immensen ; mit weiteren Hinweisen z.B.: 1897 ein Schulneubau, 1962 Schließung der Schule. ‚21 01. 1973 „‚Kapelle mit eigener Glocke,
21.01.1973 Einweihung einer Friedhofskapelle.

1585: erste Erwähnung von Edemissen. „Glockenweg‘ von der Schule zum jetzigen Friedhof. Einweihung der jetzigen Kapelle durch Pastor E. Milbratz ‚14.06.1953 Entwurf der Kapelle durch den Architekten M. Mewes, Hannover.

1714: Bau des ersten Schulhauses in Odagsen, nach 142 Jahren ‚1856 Neubau einer einer klassischen Schule neben dem Küsterhaus. 1950 Neubau einer zweiklassischen Schule in der Straße: Neue Reihe.

1618-1648 brachte der 30-jährige Krieg schreckliche Verwüstungen und Elend. Die Kirche und das Pfarrhaus blieben aber erhalten.

1707 Renovierungsarbeiten in der Kirche von 1183 beginnen mit dem Bau einer neuen Kanzel. 1727 Planungen zum Neubau einer Kirche. Es gibt aus der Zeit Bauzeichnungen Außenansicht und Grundriss) zur 1.Kirche! Warum man die Kirche abriss bleibt unklar, vielleicht wurde sie zu klein oder so baufällig, dass eine Reparatur nicht mehr möglich war.

1750-1752 Neubau der jetzigen Kirche vor allem mit Steinen der alten Kirche Am selben Ort wiedererrichtet, mit 386 Sitzplätzen. Zum Schutzpatron wählte man St.Pancratius, einen jungen Märtyrer zur Zeit des Kaisers Diokletian (284 — 305 n. Chr.). Im Kirchensiegel findet man Pankratius abgebildet, er hält in den Händen jeweils ein Buch und ein Schwert. Auch der 2.Tag der Eisheiligen ist nach ihm benannt.

1804-13 Napoleonischer Krieg mit französischer Besetzung

1857 Anschaffung einer neuen Kirchturmuhr. Die jetzige Uhr wurde 1929/30 installiert.

1786: Orgelreparatur. Zur Bezahlung wurde der kostbare romanische Taufstein (siehe Der Odagser Taufstein) aus der ersten Kirche verkauft, jetzt in der Marktkirche zu finden.

1861: Anschaffung einer neuen Schleifladen-Orgel von Orgelbauer Meyer, Hannover, angefertigt. Sie steht jetzt unter Denkmalschutz.

1875: Einführung der kirchlichen Eheschließung. Erst danach ist eine kirchliche Trauung erlaubt. 1883: 400-jähriges Jubiläum zu Luthers Geburtstag am 11. November 1483. Dazu wurde wohl die Luthereiche am Ortsausgang nach Immensen gepflanzt.

1883: Das erste Mal Gottesdienst am Heiligen Abend mit zwei kerzengeschmückten Weihnachtsbäumen.
1890: Der Friedhof um die Kirche wurde zu klein, es erfolgte eine Einebnung. Nach der Anlage des Friedhofs am Ortsausgang nach Einbeck, wurde der jetzige Friedhof mit Kapelle 1974 angelegt.

1892: das erste Mal Gottesdienst am Silvesterabend.
1898 : erst jetzt erhielten die Pfarrer ein einheitliches Gehalt durch die Landeskirche, und der bauliche Unterhalt der Pfarrhäuser wurde durch die Klosterkammer, Hannover, übernommen. Vorher richtete sich die Datierung einer Pfarrstelle nach den Ländereien, die meistens verpachtet wurden, Naturalleistungen und u. a. für Gebühren von Dienstleistungen

1915: Kirche und Pfarrhaus erhalten elektrisches Licht

1919/20 Zwei bunte Kirchenfenster (Geburt und Auferstehung Jesu) werden im Osten eingebaut. Sie sind eine Stiftung von Frau Anna Warnecke, die Familie verlor 2 Söhne im 1.Weltkrieg.
1925 Herr Albert Falke beginnt als Lehrer (einklassige Schule!) und gleichzeitig als Organist seinen Dienst. 1950 wurde er als Lehrer pensioniert, 1960 erlebte er schon sehr erkrankt — seine Verabschiedung als Organist. Er verstarb kurz darauf am26.6. 1960.

1936 Das erste Mal Feier einer goldenen Konfirmation.
1952:200-jähriges Kirchenjubiläum, (am Anfang ausführlich erwähnt)

1953: An der südlichen Chorwand wird eine Gedenktafel für die Gefallenen des 2. Weltkriegs im Kirchspiel Odagsen angebracht.

1962: Statt Kohleöfen werden Ölöfen in der Kirche aufgestellt.

1963: Zentralheizung wird im Pfarrhaus installiert.
1967:Odagsen wird ein Teil der Stadt Einbeck (Gebietsreform)
1973: 26.August, mein Vater hält nach 34-jähriger Amtszeit seine Abschiedspredigt, (1.Kor.2,2 und 1.J0h.2,28). “ 28.08..Umzug der Eltern nach Einbeck, wo sie 16 Jahre bis 1989 lebten. Mit strenger Konsequenz hatte Vater damals sofort einen beruflichen Trennungsstrich gezogen, um es seinen Nachfolgern zu erleichtern. Er ergänzte weiterhin die Chronik, teilweise handschriftlich.

Es folgten schnelle Wechsel im Pfarramt:

Pfarrer Eggeling 1974-75 ‚Pfarrer Johannes Owsianowski:1976-1982,Pfarrer Eckhart Kruse (1984 - 1989)

1988 erfolgte eine neue Innenrenovierung der Kirche. Die Kirche erhielt eine Umgestaltung am Altar, eine vertäfelte Decke ‚Neuanordnung des Gestühls, neue Lampen. 1974: Beschluss des Gemeindekirchenrates : Neubau eines neuen kleinen Pfarrhauses, finanziert durch die Ablösung der Bauerhaltung des Pfarrhauses von der Klosterkammer in Hannover. Das bedeutete Abriss des alten Pfarrhauses mit den dazugehörenden Gebäuden. (nach 263 Jahren !!!)

— aber die St. Pankratius —Kirche blieb. Möge zu ihrem 300.Jubiläum 2052 in ihr wieder ein Festgottesdienst gefeiert werden!

1989 zogen meine Eltern zu meiner Familie nach Wiefelstede, Ammerland. Dort wurde bei meinem Vater die Parkinson- Krankheit diagnostiziert. Am 11.Januar 1996 starb meine Mutter, sie erkrankte an einem Gehirntumor, 82-jährig.  Am 16.Juli 2002 starb mein Vater an einem Sonntagmorgen, er war 91 Jahre altgeworden. Wie zu der Beerdigung meiner Mutter kam eine Abordnung der Gemeinde auch zu Vaters Beisetzung. Das hat uns sehr berührt und noch mal tröstlich verbunden. Das Kirchspiel Odagsen, Einbeck, das Leinetal mit dem Solling, waren den Eltern „Heimat“ geworden, hier hatten Sie die Mitte ihres Lebens verbracht.

Dies Bild zeigt die Eheleute Milbratz:

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